Der Nebel des Krieges
(c) Alia, 1999



Seine Kindheit endete, als er acht Jahre alt war. Wie ein Wirbelsturm fegte der Krieg über sein Land und hinterliess Trümmer und Tränen und Trauer. Die Horden der Nordlande stoben über die Hügel und Wälder und mähten die Menschen wie Gras. Es war ein ungleicher Krieg und es war ein ungerechter Krieg. Es war ein Krieg des Stahls gegen die Egge, der Gier gegen die Genügsamkeit.
Das Blut der geliebten Eltern troff noch von der Klinge der Schlächter als er des Verlustes gewahr wurde. Er weinte stille Tränen, als seine Kindheit endete.

Er kam zu Verwandten, die ihn liebten wie ihren Sohn. Seine Wunden vernarbten und auch das Land genas. Er wuchs an Körper und Geist während er seine Lehrjahre auf dem Hof der Pflegeeltern verbrachte. Er wurde ruhig doch gesellig. Er wurde nachdenklich doch aufmerksam. Er wurde mitfühlend und gerecht.
Doch während er das Land pflügte und die Tiere versorgte, wurde er nie müde, die vorbeziehenden Truppen zu bewundern. Das Land genas aber es hatte sich verändert. Es hatte nun Reiter und Krieger und Waffen. Es wollte seine Menschen beschützen. Es wollte sich wehren.

Und es sollte sich wehren. Der graue Nebel des Krieges überzog wieder das Land und er erreichte auch den Hof der Pflegeeltern. Die Truppen hatten den Feind schon besiegt, aber zersprengte Gruppen zogen immer noch plündernd durch die Gegenden am Rande des Landes. Und wieder erreichte der Nebel auch ihn. Er war ein gerechter und friedlicher Mensch geworden. Aber er war auch ein Mensch geworden, der gewillt war, sich zur Wehr zu setzen. Die Knöchel seiner Hände traten weiss hervor, während er mit hocherhobener Keule auf dem Hof stand und auf die Leiche des Feindes blickte. Seine Pflegeeltern lebten und er verspürte keine Schuld. Er hatte seine Welt verteidigt. Er war im Recht.

Seine Tat sprach sich herum und die Truppen wurden auf ihn aufmerksam. Er legte die Egge beiseite und nahm das Schwert auf. Seine Pflegeeltern waren stolz und er war es auch. Lange Jahre vergingen, während er in glühender Hitze, in strömendem Regen und in beissender Kälte das Handwerk des Krieges erlernte. Er tat es für das Land, er tat es für den Frieden, er tat es für die toten Eltern. Es musste sein und er tat es ohne Hass. Er würde schützen, was er liebte, verteidigen, was Recht war.

Und wieder zog der graue Nebel des Krieges am Horizont auf. Lange Jahre des Friedens mit den Nordlanden waren vergessen, als diese kein Erz mehr lieferten. Es war Unrecht und daher war er wie alle anderen einverstanden, als die Nahrungslieferungen in den Norden eingestellt wurden. Seine Kameraden und er waren empört, als die Nordlande versuchten, statt dessen andere Waren zum Handel anzubieten. Sie wollten keine anderen Waren, sie wollten Erz. Erz, um Waffen zu schmieden.
Die vollen Waffenkammern waren nicht genug, glaubte er. Es gab so viele Feinde und so viel Unrecht, das ausgemerzt werden musste. Seine Kameraden und er waren sich einig, es brauchte noch mehr Waffen, es brauchte das Erz der Nordlande. Sie waren sich sicher, sie waren im Recht. Sie waren sich sicher, es musste Krieg geben.

Die Truppen wurden mobil gemacht und er war mitten drin. Er schärfte seine Klinge wie jeder andere. Er johlte die Kriegsparolen wie jeder andere. Er sattelte sein Pferd wie jeder andere. Er ritt nach Norden wie jeder andere.

Die Hufe der Truppen donnerten auf dem Boden der Nordlande. Wie ein Wirbelsturm fegte der Krieg über das Land und brachte ihm und seinen Truppen Schritt für Schritt den Sieg. Doch es war ein ungerechter Krieg. Es war ein Krieg des Stahls gegen den Hunger, der Gier gegen die Armut. Das Blut der Nordländer troff noch von seiner Klinge, als er in das Haus einbrach. Die Tür schlug an die Wand und das Licht fiel in die einfache Stube. Und in der Mitte des Raumes erblickte er das Kind.

Er sah das Kind und er sah das Kind, das er gewesen war. Und wieder weinte er stille Tränen. Er war vierzig Jahre, als er sich selbst erkannte.